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Schachfiguren aus klarem Glas (Wim van 't Einde / Unsplash) Schachfiguren aus klarem Glas (Wim van 't Einde / Unsplash)

Was ist digitale Souveränität und wieso ist sie wichtig?

Stark vereinfacht gesagt bedeutet digitale Souveränität:

Deine Daten gehören Dir

Ein Beispiel aus den letzten paar Wochen: Die USA haben mehrere Richter des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH, engl. ICC) sanktioniert, weil deren Urteile den USA nicht gefallen haben. Siehe zum Beispiel Artikel von France 24, Irish Times oder SRF

Die Sanktionen beinhalten den Entzug von vielen US-Diensten, an welche wir uns im täglichen Leben gewöhnt haben, wie zum Beispiel Amazon (keine Alexa oder Prime Video mehr), Airbnb, Paypal, Google (Suchmaschine, Google Maps, Gmail), Microsoft (keinen Zugriff mehr auf Dokumente in OneDrive oder Emails in Outlook) etc.

Sogar weiterreichende Sanktionen wurden berichtet: einige europäische Banken blockieren den Zugang zu den Konten, einfach weil die Bankkarte eine Mastercard- oder Visa-Karte ist (beides sind US-Unternehmen). Das heisst: kein Abheben von Geld an einem Bankautomaten mehr, Einkäufe in Webshops blockiert, zum Teil sogar gesperrtes e‑Banking.

Wenn dir ein Unternehmen wie in diesem Fall deine Daten (oder den Zugriff darauf) wegnehmen kann, dann bist du digital nicht souverän.

Souveränität

Allgemein bedeutet Souveränität: Selbstbestimmung, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit

Übertragen auf das digitale Leben: ich bestimme selbst, welche Dienste ich verwende und wem ich meine Daten anvertraue. Wenn mir zB Google oder Microsoft nicht mehr gefallen, dann wechsle ich zu einem anderen Anbieter. Das bedeutet nicht, dass ich Google oder Microsoft unbedingt nicht mehr verwenden sollte, sondern, dass es meine eigene Entscheidung ist.

Viele der aktuellen Internet-Dienste sind aber so gestaltet, dass ein Umziehen nicht mehr möglich ist. Beispielsweise sind die neuen Versionen von Microsoft Word, Excel, Outlook etc. so eng mit Microsoft 365 bzw. OneDrive verknüpft, dass früher oder später alle Dokumente zwingend „in der Cloud“ gespeichert sind.

Souveränität steht zwischen den Extremen Fremdbestimmung und Autarkie (Tabelle aus bitkom Positionspapier Digitale Souveränität (2015)):

Fremdbestimmung Souveränität Autarkie
Andere entscheiden, was wir tun Wir sind handlungsfähig und entscheiden selbst, was wir tun! Wir machen alles selbst!
Keine Technologie-Kompetenz Hohe Kompetenz in ausgewählten Technologien Eigenentwicklungen
Sicherheit für uns nicht bewertbar Wir sind fähig, verschiedene Alternativen zu bewerten Vorziehen eigener Technologien, auch wenn weniger leistungsfähig

Souveränität für Private

Die obige Tabelle des Bitkom kann für Private vereinfacht werden, denn Autarkie ist für eine Einzelperson nur unter Verzicht auf aktuelle Technologien möglich.

Die wichtigsten Themen für private Souveränität dürften einerseits Smartphone und Computer sein (wobei das nicht strikt getrennt werden kann, da es Universen wie jenes von Apple gibt, wo Telefon und Computer sehr stark integriert sind), und andererseits Dienste, Apps und soziale Medien.

Es ist leider so, dass das Erlangen von Souveränität eines gewissen Aufwands bedarf, da viele Gewohnheiten, wie wir unsere Geräte und das Internet bedienen, geändert werden müssen.

Smartphone

Bei den beiden grössten Telefon-Universen (Apple und Google-Android) ist es ähnlich: ohne ein entsprechendes Konto (iCloud oder Google) funktioniert wenig bis gar nichts, unabhängig davon welche Apps man verwendet. Und wehe, wenn das Konto nicht mehr funktioniert! So hatte kürzlich ein Autor von Apple-Büchern während Tagen keinen Zugriff mehr auf sein „digitales Leben“.

Von Souveränität kann man bei den Google- und Apple-Universen also nicht sprechen. Für mehr Freiheit und Selbstbestimmung müsste also ein anderes Betriebsystem her. Bei Apple Telefonen gibt es keinen offiziellen Weg, ein Apple-freies Betriebsystem zu installieren; bei einigen Android-Telefon gibt es immerhin die Möglichkeit, ein alternatives Android ohne Google-Verzahnung zu verwenden, beispielsweise GrapheneOS, /e/OS oder iodéOS

Ich plane hierzu einen Folgeartikel mit eigenen praktischen Erfahrungen mit einem Google-freien Telefon.

Computer

Souveränität bei Computern oft einfacher möglich als bei Telefonen, da das mitgelieferte Betriebssystem meist durch Linux ersetzt werden kann, ein Open Source Betriebsystem, das einem alle Freiheiten lässt. Gerade im vergangenen Jahr 2025 hatte Linux viel Aufmerksamkeit erhalten, da der Support für Windows 10 endete und viele ältere Computer nicht auf Windows 11 aktualisiert werden können. Linux-Enthusiasten führen oft Workshops durch, um auf solchen Computern, die sonst zu Elektroschrott würden, ein Linux zu installieren, wie etwa kürzlich beim Chaostreff Bern.

Die Website End of 10 ist ein guter Startpunkt für einen Umstieg zu Linux.

Auch beim Computer bedeutet das Ersetzen von Windows (oder macOS) oft einen Lernaufwand, da Linux nicht 100% wie Windows oder macOS funktioniert.

Dienste und soziale Medien

Wie das oben erwähnte Beispiel der Richter des Internationalen Strafgerichtshof zeigt, kann es sehr unangenehm werden, plötzlich auf Dienste wie Amazon Prime, Google, Microsoft, ChatGPT oder Whatsapp verzichten zu müssen. Besser wäre, auf andere Dienste umzusteigen.

So hat etwa der Buchautor Marc-Uwe Kling auf dem jährlichen Kongress des Chaos Computer Club (#39C3) zu einem monatlichen Digitalen Unabhängigkeitstag aufgerufen, um schrittweise die Dienste der „Big Tech“ durch unabhängige Alternativen zu ersetzen.

Wie das gehen könnte, zeigt etwa der fünfteilige Newsletter des Online-Magazins Republik, Bye Bye Big Tech: Weg von Whatsapp, Google, Chrome, ChatGPT und Gmail.

Digitale Souveränität für Unternehmen und Behörden

Bei Unternehmen und Behörden gibt es noch ganz andere Aspekte als Daten (Dokumente, Datenbanken, Emails, aufgezeichnete Meetings etc.).

Es geht auch um Geschäftsprozesse, das Einhalten von Vorschriften, Verhinderung von Spionage oder das Minimieren von Risiken und Kosten.

  • Existierende digitalisierte Prozesse sind oft auf genau ein Cloudsystem (wie etwa Amazon AWS oder Microsoft Azure) angepasst, und eine Umstellung verschlingt Zeit und Geld.
  • Eine Verwendung von Clouds wie etwa AWS erlaubt oft, auf eigene Rechenzentren zu verzichten und weniger Personal in der Informatik zu beschäftigen. Allerdings können sich die Rahmenbedingungen ohne Vorwarnung ändern, wie etwa einseitige Preiserhöhungen für Microsoft 365
  • Nach Meinung von schweizerischen Datenschutzbeauftragten ist es in den meisten Fällen unzulässig, Clouds wie Microsoft 365 zur Arbeit mit Personendaten zu verwenden, da der Zugriff des Anbieters auf die Daten nicht ausgeschlossen werden könne (wie zum Beispiel „Besonders schützenswerte Personendaten“); die meisten eingesetzten Lösungen verschlüsseln die Daten nur unzureichend.
  • Die Verwendung von Clouds per se kann durchaus datenschutzkonform sein, wenn die Daten korrekt verschlüsselt sind. So verwendet etwa der für gute Privatsphäre und Verschlüsselung bekannte Messenger Signal auch AWS, weil es schlicht nicht möglich wäre, wirtschaftlich eine eigene Cloud mit vergleichbarer Verfügbarkeit und Geschwindigkeit zu betreiben.
  • wie das eingangs erwähnte Beispiel des Internationalen Gerichtshof zeigt, ist es für die USA möglich, Cloud-Dienste zu blockieren. Was, wenn in der aktuellen Weltlage die USA Sanktionen gegen Europäische Staaten oder Unternehmen beschliessen?

Zusammengefasst: Digitale Souveränität ist komplex und es ist nicht realistisch, dass Unternehmen und Behörden von heute auf morgen digital souverän werden.

Aber: digitale Souveränität ist möglich!